Im Notfall drücken

Claudia Lepping

Sprinterin, Jg. 1968, Deutsche Vizemeisterin 200m, EM-11. ; Juniorenrekordlerin 200m, 5. Junioren-WM, mehrfache Deutsche Jugendmeisterin. Sie lehnte Doping ab und machte die Doping-Praxis in einem westdeutschen Verein öffentlich.

Die Prognose machte mich eurphorisch. Die 400-Meter-Zeit, die der Leistungsdiagnostiker 1986 in Aussicht stellte, lag nah dran am Weltrekord.
Klar, die Prognose ist das eine. Hart trainieren musste ich selbst. Dachte ich.
Mit 18 Jahren.

Aber ich sollte die Fabel-Zeit nicht nur aus eigener Kraft erreichen, wie sich später zeigte. Große Helfer boten sich in einem neuen Sportclub an - mit kleinen Helfern in Taschen und Arztkoffern: Trainer und Mediziner brachten Spritzen und Tabletten ins Spiel. Doping in einem kleinen westdeutschen Verein, der mit einer Handvoll Läuferinnen den Frauensprint neu erfinden und mit den erfolgreichen DDR-Clubs mithalten wollte. Noch stand die Mauer. "Wenn du zu uns kommst, zeigen wir dir, warum die DDR-Mädels so schnell sind", sagte der neue Trainer. Ich dachte an moderne Trainingsmethoden, war total naiv und schöpfte auch nicht Verdacht, als mich der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) während der EM 1986 in Stuttgart nahezu täglich zur Dopingkontrolle schickte. Sie wussten: die nimmt nichts!

Später lief ich für den neuen Club. Nicht ahnend, dass der neue Trainer damals als Drehscheibe des internationalen Dopings galt. Dass er mit den Dosierungen des kanadischen Sprinters Ben Johnson genau so vertraut war wie mit den Trainingspraktiken der DDR-Weltklassesprinterinnen. Die hatten schon vor dem Mauerfall die gleichen Anabolika eingeworfen.

An die Mittelchen heranzukommen, war offenkundig nicht schwer. Überall im Club stieß ich auf Medikamente: Im Trainingslager quollen die Verpackungen aus den Kulturbeuteln der Läuferinnen, in ihren Küchen und Wohnzimmern lagen sie herum, an ihren Pinnwänden hingen Blanko-Rezepte - unterschrieben von Ärzten des damaligen traumatologischen Instituts in Freiburg unter Regie von Professor Armin Klümper. Welche Anabolika sich die Mädchen damit aus der Apotheke holen oder vom Trainer entgegennehmen sollten, würde dieser Coach je nach erbrachter Leistung eintragen - in Abstimmung mit Freiburg.

Ich notierte die Namen der Medikamente und zeigte die Liste der Hausärztin meiner Eltern. Sie war bestürzt: Da waren Dopingmittel drunter. Je mehr ich im Verein nachhakte, um so mehr wurde über Nebenwirkungen getuschtelt. Zwei Sprinterinnen seien an Herz und Leber erkrankt, weil sie seit Jahren dopten.

Als mein eigener Start bei einem wichtigen Rennen verletzungsbedingt in Gefahr war, lotste mich ein weiterer Trainer in einen Geräteschuppen. Da wartete ein Arzt, zum dopen. Ich ließ sie stehen. Der Lauf ging schief. Auch aus Wut, dass selbst der Trainer betrügen wollte, dem ich noch vertraute.

Ich schrieb an den DLV - ohne jemanden zu belasten - mit der Frage, ob der Verband ahne, in welchem Umfang an der Basis gedopt werde? Ich erhielt einen Briefbogen zurück - mit dem lapidaren Satz: Liebe Claudia, meines Erachtens liegt hier ein Missverständnis vor. Mit freundlichen Grüßen - der Leistungssportdirektor.

Dann entfaltete das System der Abhängigkeit Wirkung. Der neue Trainer ließ mich wissen, dass er meine Aktivitäten zur Kenntnis nehme. Seine Vertrauten ließen mich wissen, dass allein er entscheide, wer in der Nationalmannschaft und im Verein weiter gefördert werde. Einer meiner damaligen Chefs im Job stellte mich vor die Wahl: "Wenn du auspackst, ist deine Ausbildung beendet." Leere Drohungen, letztlich. Eine harte Zeit, ja. Aber es lohnt sich, nein zu sagen, weder sich noch andere zu betrügen und die Finger von dem gefährlichen Zeug zu lassen. Die 400-Meter-Prognose? Unerreicht, klar. Und zwar noch von jeder Läuferin.

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